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33 April 2003 | ||
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| Gastbeitrag | Elektronische Nasen | Rolf Daniels |
Die Entwicklung der elektronischen Nasen lehnt sich dicht an die Physiologie
des menschlichen Geruchssinns an, da dieser, wie auch andere biologische Geruchsapparate,
viele Fähigkeiten, die grundsätzlich von einer elektronischen Nase
erwartet werden, umfasst.
1. Vorgänge beim Riechen mit der menschlichen Nase
Riechen ist das Resultat einer Summe verschiedener physiologischer Vorgänge,
die vom ersten Kontakt eines Duftstoffmoleküls mit der Nasenschleimhaut
bis zur Geruchswahrnehmung und möglicherweise Wiedererkennung des Geruchsmusters
im Gehirn ablaufen.
Zunächst gelangen Duftstoffmoleküle mit der Atemluft in die Nase und
treffen dort auf die Nasenschleimhaut. Diese ist vom Trigeminus, dem fünften
Hirnnerv, innerviert; 70% aller Riechstoffe schreibt man eine Trigeminuswirkung
zu. Die Trigeminusreizung hat jedoch bezüglich der Geruchswahrnehmung einen
recht hohen Schwellenwert. Die Nachweisgrenze liegt bei den im folgenden beschriebenen
Vorgängen wesentlich niedriger.
Im oberen Nasenabschnitt befindet sich das etwa 2,5 cm² große Riechepithel
(Abbildung 1), auf das das Geruchsmolekül
im Gemisch mit der Atemluft trifft. Das Riechepithel ist, um den Kontakt mit
einem Duftstoff in einen elektrischen Reiz umzuwandeln, besonders ausgestattet.
Es verfügt über drei Zellarten: die Stützzellen, die Basalzellen
und die Riechzellen. Die Stützzellen produzieren die Schleimschicht, die
das Riechepithel überzieht. Die Basalzellen sind Stammzellen. Sie sind
teilungsfähig und produzieren die Riechzellen, die dritte und wichtigste
Zellart. Die Riechzellen sind Nervenzellen. Sie sind in die Stützzellen
eingebettet und haben an der einen Seite Härchen, sog. Cilien, die in die
Schleimschicht hineinragen. An der gegenüberliegenden Seite führen
Axone zum Gehirn. Der Mensch verfügt über etwa 50 Millionen dieser
Nervenzellen und jede davon über 5 - 10 Cilien. Hunde, deren Geruchssinn
ausgeprägter ist als der menschliche, haben dagegen etwa 100 Cilien pro
Nervenzelle.
Abbildung 1: Funktionelle Anatomie und Struktur des menschlichen Riechapparates
Nachdem das Duftmolekül den Rezeptor und dieser daraufhin das G-Protein
erregt hat, läuft eine Kaskade biochemischer Reaktionen ab, in deren Verlauf
unter anderem aus ATP cyclisches AMP (sog. cAMP, second messenger) produziert
wird. Dies dient der Signalverstärkung und erklärt die niedrigen Schwellenwerte
der Geruchswahrnehmung mit der menschlichen Nase. cAMP schließlich führt
zur Öffnung von Natrium-Kanälen und ermöglicht so die erleichterte
Diffusion von Na+ in die Zelle, wodurch das Membranpotential absinkt. Erreicht
die Depolarisation der Nervenzelle einen Schwellenwert, so wird ein Aktionspotential
ausgelöst, welches entlang des Riechnervs zum Gehirn fortgeleitet wird.
Damit ist die olfaktorische Transduktion, d.h. die Umwandlung eines ehemals
chemischen in einen elektrischen Reiz vollzogen (Abbildung 3).
Abbildung 3: Signaltransduktion. In den Cilien der Riechzellen erfolgt
durch die Abfolge mehrerer enzymatischer Reaktionen die Umsetzung des Kontaktes
eines Geruchsstoffs mit dem Rezeptor in ein elektrisches Signal.
Im Gehirn erfolgt die weitere Verarbeitung des Geruchseindrucks. Dabei ist
es in der Lage, das Geruchsmuster mit anderen Sinneseindrücken, wie z.B.
Geschmack und Aussehen, zu assoziieren und diesen Eindruck zu bewahren, um ihn
dann zu gegebener Zeit wieder abzurufen.
Es ist bisher nicht endgültig geklärt, ob es bei der Vielfalt der
Gerüche wenige Rezeptortypen mit einem breiten Spektrum oder eine Vielzahl
von Rezeptoren mit hoher Spezifität gibt. In den sechziger Jahren wurde
von J.E. Amoore die Theorie der fünf Primärgerüche (etherisch,
campherartig, moschusartig, blumig, minzig) mit jeweils dazugehörenden
Rezeptoren aufgestellt. Angesichts jüngster Erkenntnisse zur Physiologie
des Riechens erscheint diese Vorstellung jedoch überholt. Es erscheint
gesichert, dass der Geruchserkennung eine kombinatorische Strategie zugrunde
liegt. Die meisten Riechstoffe werden von mehr als einem Rezeptor erkannt, und
die meisten Rezeptoren sprechen auf mehrere Moleküle an, wobei wahrscheinlich
deren chemischen Eigenschaften eine entscheidende Rolle spielen. Typische Eigenschaften
von Riechstoffen sind in Tabelle 1aufgeführt.
Tabelle 1: Wichtige physikalische und chemische Eigenschaften eines Duftstoffmoleküls
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Einige dieser Alternativen nutzen immer noch den menschlichen Geruchssinn zur Detektion. Ein Beispiel hierfür ist die Olfaktometrie, bei der ein Olfaktometer und ein menschliches Panel eingesetzt werden.
Im Olfaktometer werden die zu untersuchenden Geruchsproben mit einem Neutralgas (definierte Bedingungen bezüglich Temperatur, Luftfeuchte und Reinheit der Luft) verdünnt und dem Probandenkollektiv präsentiert. Die Verdünnung, bei der die Geruchsprobe erstmals detektiert wird, wird als Geruchsschwellenwert bezeichnet. Diese wird dann herangezogen, um die Geruchsintensität (Konzentration) zu bestimmen, die dann in Riechwerten angegeben wird.
Eine andere Alternative stellt die Kombination aus Gaschromatographie und Olfaktometrie (GC-O) dar. Hier übernimmt die menschliche Nase die Rolle des Detektors. Diese Technik wird auch als Sniffing-GC bezeichnet. Ein Duftstoffgemisch wird zunächst gaschromatographisch getrennt und danach zu einem so genannten "Sniffing-Port" geleitet. Dort registriert eine entsprechend geschulte Person kontinuierlich die jeweiligen Geruchseindrücke. GC-O eröffnet interessante Möglichkeiten bei der Analytik von Duftstoffen und Aromen sowie jeglicher Art von Produkten, bei denen der Geruch ein Qualitätskriterium darstellt.
Dennoch bleibt die Geruchsmessung mit der menschlichen Nase arbeitsintensiv und zeitraubend. Ebenso tauchen Probleme auf, wenn Messungen vor Ort durchgeführt werden sollen, und es sind ausreichend große Probandenkollektive erforderlich, um statistisch abgesicherte Ergebnisse zu erzielen. Daher existiert ohne Frage der Bedarf an einer instrumentellen Methode, die die Fähigkeiten der menschlichen Nase nachahmt und zu reproduzierbaren Ergebnissen führt.
In diesem Kontext waren Dodd und Persaud die Ersten, die Anfang der 80er in
England ein Array-Konzept zur Geruchsdetektion vorstellten; die erste experimentelle
elektronische Nase, die in der Literatur erwähnt wird.
2.1 Definition
Unter einer elektronischen Nase versteht man ein Instrument, das einzelne oder
zu einem Array zusammengefasste elektro-chemische Sensoren mit überlappender
Spezifität und ein geeignetes Muster-Erkennungs-System enthält und
imstande ist, einfache und komplexe Gerüche wiederzuerkennen. Das bedeutet,
eine elektronische Nase muss prinzipiell über zwei Einheiten verfügen:
ein Nasenäquivalent zur Geruchswahrnehmung und ein Gehirnäquivalent
zum "Merken und Wiedererkennen" der Geruchsmuster. Ein einzelner Sensor,
zum Beispiel ein Kohlenmonoxid-Sensor, der zum Nachweis einer spezifischen Substanz
dient, ist demnach noch keine elektronische Nase.
Die Detektionseinheit kann von einem Array verschiedener Chemosensoren mit begrenzter
Selektivität gebildet werden. Neben elektronischen Chemosensoren werden
auch optische und vielfältige andere Sensortypen beschrieben.
Bei der Anzahl der eingesetzten Sensoren muss ein Kompromiss geschlossen werden zwischen
Bei kommerziell verfügbaren Geräten variiert die Sensoranzahl zwischen
6 und 48.
Die Bezeichnungen künstliche Nase, mechanische Nase, E-Nose und Odour-Sensing-System
werden synonym verwendet.
2.2 Unterschiede zur menschlichen Nase
Tabelle 2: Schematischer Vergleich der menschlichen Nase mit einer elektronischen
Nase
| Menschliche Nase | Elektronische Nase |
| ~ 10 Millionen Rezeptoren; selbsterneuernd | 5 - 100 Chemosensoren, manueller Ersatz |
| 10 - 100 Rezeptortypen mit unterschiedlicher Selektivität | 5 ~ 100 Chemosensoren mit überlappender Selektivität |
| Initiale Signalreduktion (~1000 zu 1) | Mit "Smart"-Sensorarrays eventuell realisierbar? |
| Anpassungsfähigkeit | Möglicherweise realisierbar |
| Sättigung | Persistenz |
| Signalverarbeitung in Echtzeit | Nur mit Hardware zur Mustererkennung möglich |
| Identifiziert eine große Anzahl von Gerüchen | Trainingsepoche vor jeder neuen Anwendung notwendig |
| Einfache Moleküle werden nicht erkannt | Einfache
Moleküle können detektiert werden (H2, H2O, CO2 ) |
| Spezifische Empfindlichkeit für bestimmte Moleküle | Bestimmte Mindestkonzentration ist bei allen Substanzen erforderlich |
| Assoziation möglich mit Tönen, Bildern, Erfahrungen etc. | Multisensorsystems sind möglich |
| Infektion möglich | Vergiftung möglich |
Obwohl elektronische Nasen und die menschlichen Nase sich im Grundsatz sehr ähneln und beide die Aufgabe haben, unterschiedliche Gasgemische zu charakterisieren, bestehen im Detail doch sehr deutliche Unterschiede:
Es gibt Substanzen, auf die die menschliche Nase empfindlicher reagiert als Sensoren. Andererseits gibt es Stoffe, die für uns praktisch geruchlos sind, auf die manche Sensoren jedoch stark reagieren.
In Tabelle 2 sind einige typische Eigenschaften der menschlichen Nase denen
von elektronischen Nasen gegenübergestellt.
2.3 Messprinzipien
Der Sensor einer elektronischen Nase hat wie die Nervenzelle im Riechepithel
die Aufgabe, den Kontakt eines Geruchsmoleküls mit der Sensoroberfläche
in ein detektierbares Signal umzuwandeln. Hierzu ist eine ganze Reihe von Technologien
verfügbar, die in Gegenwart bestimmter chemischer Substanzen ein elektrisch
oder optisch messbares Signal liefern. Tabelle 3 fasst die wichtigsten Sensor-Prinzipien
zusammen, die in elektronischen Nasen zu finden sind.
Tabelle 3: Beispiele möglicher Technologien für Gassensoren
| Typ | Sensitives Material | Meßsignal |
| Halbleitende Metalloxide (M.O.S., Taguchi) | Dotierte halbleitende Metalloxide (SnO2, GaO) | Widerstands- änderung |
| Schwingquarze (QMB); Oberflächenwellenleiter (SAW) | organische oder anorganische Beschichtungen (Gaschromatographie) | Frequenzänderung aufgrund einer Massenänderung |
| Leitfähige Polymere | Modifizierte leitfähige Polymere | Widerstands- änderung |
| Katalytischer Feld-Effekt Sensor (MOSFET) | Katalytische Metalle | Änderung der Arbeitskurve |
| Pellistor | Katalysator | Temperaturänderung aufgrund einer chemischen Reaktion |
| Fluoreszenz-Sensor | Organische Farbstoffe | Änderung der Lichtintensität |
| elektrochemische Zelle | Feste oder flüssige Elektrolyte | Strom- oder Spannungsänderung |
| Infrarot-Sensor | - | IR Absorption |
In kommerziell erhältlichen Chemosensorsystemen zur Gas- und Geruchstofferkennung werden hauptsächlich folgende Sensortechnologien eingesetzt (Abbildung 4):
Abbildung 4: Aufnahmen verschiedener Chemo-Sensoren. (A) Metalloxid-Sensor.
(B) Oberflächenwellenleiter (SAW)-Sensor. (C) Schwingquarz-Sensor. (D)
Array mit leitfähigen Polymer-Sensoren.
Schwingquarzsensoren bestehen aus einem Quarzkristall, der mit einem chemisch
selektiven Film beschichtet ist. Der Kristall ist in einen Schwingkreis eingebaut
und hat typischerweise eine Eigenfrequenz von 10 MHz. Bei der Wechselwirkung
einer Gasphase mit der Sensorbeschichtung kommt es teilweise zur Absorption,
wodurch die Masse des Film ansteigt. Infolge davon sinkt die Resonanzfrequenz,
die dann als Sensorantwort gemessen wird. Die Vorteile der Schwingquarzsensoren
liegt in ihrer hohen Selektivität und Sensitivität, ihrer guten Temperaturstabilität,
der geringen Feuchteempfindlichkeit sowie der hohen Reproduzierbarkeit.
Die Beschichtungsmaterialien stammen häufig aus der Gaschromatographie,
wo sie als stationäre Phasen eingesetzt werden. Durch die große Fülle
der Beschichtungsmaterialien sind die Sensoren außerordentlich wandelbar
und lassen sich an die meisten Messprobleme anpassen.
3.3.1.2. Oberflächenwellenleiter (Surface Acoustic Wave (SAW)-Sensoren)
Ein Surface Acoustic Wave Sensor ähnelt dem QCM-Sensor dahingehend, dass
die Massenänderung an einem piezoelektrischen Kristall genutzt wird, um
die Anwesenheit und Konzentration eines Geruchsstoffes anzuzeigen. Allerdings
arbeiten SAW-Sensoren mit einer höheren Oszillationsfrequenz. Ein SAW-Sensor
besteht aus einem Eingangs-Transducer, einem adsorbtiven Film und einem Ausgangs-Transducer,
die sich auf einem piezoelektrischen Quarzsubstrat befinden. Der Eingangs-Transducer
erzeugt eine akustische Oberflächenwelle, die durch die Filmbeschichtung
zum Ausgangs-Transducer geleitet wird. SAW-Sensoren werden mit einer Resonanzfrequenz
von 250 MHz bis zu 1 GHz betrieben. Werden Gasmoleküle von der Filmbeschichtung
absorbier, so verändert sich diese Resonanzfrequenz aufgrund der Massenzunahme
und der Veränderung der visko-elastischen Eigenschaften des Films. SAW-Sensoren
bieten die selben Vorteile wie QCM-Sensoren, zeichnen sich aber durch eine höhere
Empfindlichkeit aus. Ein Nachteil ist in der verhältnismäßig
aufwändigen Schaltungstechnik zu sehen.
2.3.2. Metalloxid-Sensoren (MOS)
Ein Metalloxid-Sensor ist ein Widerstandselement, das aus einem Metalloxidfilm,
wie z.B. Zinnoxid, gebildet wird. Geruchsmoleküle werden an der Metalloxid-Oberfläche
reduziert, wodurch sich der elektrische Widerstand des Sensors ändert.
Um die sorbierten Moleküle wieder entfernen zu können, müssen
diese oxidiert werden. Dies wird durch Heizelemente im Sensor unterstützt.
Die Selektivität dieser Sensoren lässt sich beeinflussen durch Dotierung
mit anderen Metalloxiden (z.B. mit Pd oder Pt), Änderung der Betriebstemperatur
oder Veränderung der Sensorgeometrie. Der Vorteil vom MOS umfasst niedrige
Kosten, geringe Feuchteempfindlichkeit und einfache Schaltungstechnik. Dem stehen
Nachteile wie hohe Betriebstemperaturen, beschränkte Selektivität,
hoher Energieverbrauch und mittelmäßige Empfindlichkeit (5 - 500
ppm) gegenüber.
2.3.3. Leitfähige Polymer Sensoren
Leitfähige Polymer Sensoren gehören ebenfalls zur Gruppe der konduktometrischen
Sensoren. Sie bestehen aus einem halbleitenden Polymerfilm, der eine Beschichtung
trägt, die Moleküle bestimmter chemischer Klassen sorbiert. Moleküle,
die aus der Gasphase absorbiert werden, führen zu einer Quellung des Polymerfilms.
Hierdurch ändert sich dessen elektrischer Widerstand, der als Sensorantwort
gemessen und aufgezeichnet werden kann. Der Quellungsgrad hängt von der
Konzentration der aus der Gasphase adsorbierenden Moleküle ab und ist reversibel.
Die Desorption erfolgt allerdings zeitlich verzögert, wenn der Sensor hohen
Konzentrationen ausgesetzt war.
Geeignete leitfähige Polymerfilme lassen sich durch Abscheidung im Spalt
zwischen zwei Kontaktelektroden herstellen. Die Selektivität wird häufig
dadurch beeinflusst, indem man Doppelschichten aus Polypyrrol und Polyanilin
oder Poly(3-methylthiohen) herstellt. Außerdem lässt sich die Selektivität
durch den Elektrodenabstand variieren.
Die Vorteile von leitfähigen Polymersensoren sind ihre breite Selektivität, die hohe Empfindlichkeit (0,1 - 100 ppm), Stabilität und der Betrieb bei Umgebungstemperatur. Ihr größter Nachteil ist die hohe Empfindlichkeit gegenüber Wasserdampf, der eine sorgfältige Konditionierung der Trägerluft notwendig macht.
Kommt es zu einer irreversiblen Bindung von Gasmolekülen an die Polymermatrix,
so spricht man von Vergiftung des Sensors. Diese äußert sich in einem
Anstieg des Basiswiderstands des betroffenen Sensors.
2.3.5 Massenselektive Sensoren
Massenselektive Sensoren basieren auf der bewährten Technologie der Massenspektrometer. Das Prinzip der Detektion von chemischen Substanzen in der Gasphase durch Massenspektrometrie ist hinreichend bekannt: Gasproben werden ionisiert und dabei geladene Molekülfragmente erzeugt. Diese Fragmente werden in einem Massenfilter entsprechend dem Verhältnis von Molmasse zu Ladung klassiert. Bei der Detektion der Ionen wird mit Hilfe eines Elektronenvervielfachers oder einer Faraday-Platte ein entsprechendes elektrisches Signal erzeugt. Massenselektive Sensoren nehmen den Totalionenstrom einer Gasprobe für einen bestimmten Zeitraum auf, ohne das Gasgemisch vorher zu trennen. Kommerziell erhältliche Geräte basieren auf einem Quadrupol-Massenspektrometer. Der Messbereich umfasst typischerweise 1 bis 200 amu.
Massenselektive Sensoren erweisen sich insbesondere als vorteilhaft, wenn Proben
mit dominierender Matrix, wie z.B. Alkohol oder Wasser, untersucht werden müssen.
In diesem Fall lassen sich die entsprechenden Massenpeaks ausblenden und dadurch
die Signifikanz der verbleibenden Peaks erhöhen. Der Einsatz massenselektiver
Sensoren erscheint ebenfalls günstig, wenn bestimmte Substanzen, Verunreinigungen
oder chemisch definierte Fehlgerüche, quantifiziert werden sollen.
2.4 Probennahme
Neben den instrumentellen Voraussetzungen sind reproduzierbare Messergebnisse
maßgeblich von einer repräsentativen Probennahme abhängig. Die
Konzentration an flüchtigen Stoffen im Dampfraum über der zu untersuchenden
Probe (Headspace) ist von vielen Faktoren abhängig. Diese müssen konstant
gehalten werden, um reproduzierbare Partialdampfdrücke und damit reproduzierbare
Messungen zu erhalten. Unter anderem sind hier folgende, von der Headspace-Gaschromatographie
bekannten, Einflussfaktoren zu nennen:
Prinzipiell gibt es die Möglichkeit, die Sensoren in den Headspace der
Probe zu tauchen oder die Probe in ein Gefäß geeigneten Volumens
zu füllen, um dann einen Teil des Headspace über das Sensorarray zu
leiten. Auch hierbei sind zwei Varianten denkbar: Entweder wird der Probenheadspace
während der gesamten Probennahme-Phase hindurch über die Sensoren
gepumpt oder ein Teil des Headspace steht während der Sample-Phase statisch
über den Sensoren. Die Empfindlichkeit der Analyse lässt sich durch
verschiedene Verfahrenstechniken, z.B. Purge-und-Trap-Technik, die aus der Gaschromatographie
bekannt sind, erhöhen.
3. Datenanalyse
Die von einem Chemosensor-Array erzeugten Rohsignale sind typischerweise zeitabhängige
Kurven der entsprechenden elektrischen Messgrößen (Abbildung 5).
Diese Ausgangssignale müssen mit mehr oder weniger Aufwand weiterverarbeitet
werden, um eine Geruchserkennung zu ermöglichen.
Abbildung 5: Typische Sensorantwort eines Arrays von leitfähigen
Polymer-Sensoren nach Kontakt mit einem Geruchsstoff
Da Chemosensorsysteme Datensätze mit mehreren Variablen liefern, ist es
sinnvoller ein multivariates als ein univariates Abstandsmaßes zu verwenden.
Solch ein multivariates Abstandsmaß lässt sich im originären
oder im reduzierten Datenraum berechnen. Hierfür stehen im wesentlichen
zwei Berechnungsmethoden zur Verfügung. Der euklidische Abstand (ED) gibt
die Länge des Vektors an, der zwei Punkte im Datenraum verbindet. Der ED
lässt sich wie folgt ermitteln:
ED = ![]()
Dabei sind xa die Antwort eines Sensors auf die Probe
A und xb die Antwort desselben Sensors auf die Probe B.
Allerdings berücksichtigt der ED nicht die Variation innerhalb einer Gruppe
von Datenpunkten. Daher ist zur Beschreibung des Abstandes von Datenwolken (Klassen)
ein statischer Abstand (sog. Mahalanobis-Abstand) im Grunde besser geeignet.
Der statistische Abstand wird berechnet aus dem Verhältnis des euklidischen
Abstands und der Varianz der Klasse in Richtung des Vektor zwischen den Mittelpunkten
der Klassen. Richtungen mit starker Streuung innerhalb der Klasse ergeben deshalb
kleine statistische Abstände.
3.2 Klassifikation und Reduktion der Dimensionalität
Klassifikation nennt man den Vorgang, der ein Modell befähigt, gemachte
Beobachtungen verschiedenen Klassen zuzuordnen. Eine Klassifikation wird oftmals
verknüpft mit einer Reduktion der Dimensionalität des Merkmalsraums.
Ein Multisensor-Array liefert Datensätze mit hoher Dimensionalität,
d.h. ein bestimmtes Merkmal, z.B. der Geruch, wird durch eine große Anzahl
unabhängiger Variablen beschrieben. Allerdings ist es äußerst
schwierig, mehr als drei Dimensionen gleichzeitig darzustellen. Daher kommt
den Methoden, die es erlauben, die Dimensionalität multivariater Datensätze
zu reduzieren, eine bedeutende Rolle zu. Nahezu alle Methoden der Datenverarbeitung
gehen hierbei vom Konzept des sog. Merkmalsraums aus. Im Merkmalsraum geht man
davon aus, dass alle Variablen senkrecht zueinander stehen und damit unabhängig
voneinander sind. Ein einzelner Messwert wird durch einen Punkt im Merkmalsraum
beschrieben, und ein gesamter Datensatz kann als Punktwolke im Raum betrachtet
werden. Eine Möglichkeit, die Dimensionalität zu reduzieren besteht
darin, neue Richtungen im Merkmalsraum zu suchen, wobei nur die Richtungen als
neue Variablen berücksichtigt werden, die die größte Aussagekraft
haben. Dabei werden die Bezugsebenen verändert und gleichzeitig die Dimensionalität
erniedrigt. Bei der Hauptkomponenten-Analyse (Principal Component Analysis;
PCA) transformiert (projeziert) man den Merkmalsraum (Abbildung 8). Es werden
hierbei Richtungen gefunden, die die Streuung im Datensatz bestmöglich
beschreiben. Diese neuen Richtungen, Hauptkomponenten genannt, werden danach
als neue Variablen verwendet. Behält man lediglich die Hauptkomponenten
mit großer Varianz bei, so erreicht man eine Reduktion der ursprünglichen
Anzahl an Dimensionen. Neben der PCA gibt es auch noch andere Methoden mit deren
Hilfe dies erreicht werden kann. Allen Methoden zeichnen sich dadurch aus, dass
nach bestimmten Kriterien einige wenige aussagekräftige Richtungen - meist
2 oder 3 - im Merkmalsraum gesucht und nur diese für die Darstellung und
Klassifikation herangezogen werden.
Abbildung 8: Schematische Ablauf einer Hauptkomponenten-Analyse (Principal
Component Analysis; PCA) eines multivariaten Datensatzes. Die erste Hauptkomponente
(PC 1) entspricht der Raumrichtung im Datensatz, der die größte Varianz
aufweist. Die Projektion der Daten mit niedrigerer Dimensionalität stellt
eine einfache, aber gute Näherung des ursprünglichen Datensatzes dar.
Ein neuronales Netz (Artificial Neural Network; ANN) ist ein Ansatz zur Informationsverarbeitung,
bei dem die Natur, z.B. in der Art wie unser Gehirn funktioniert, Pate stand.
Schlüsselelement hierbei ist die neuartige Struktur, die der Datenverarbeitung
zu Grunde liegt. Wesentliches Merkmal ist eine große Anzahl hochgradig
vernetzter Einheiten (Neuronen), die gemeinsam dazu beitragen, eine bestimmte
Fragestellung zu lösen (Abbildung 9). ANN lernen, wie auch Menschen, durch
Trainings-Einheiten. Ein ANN wird in einer Trainings-Epoche für eine bestimmte
Anwendung, z.B. Erkennen eines Gasgemisches, konfiguriert. Wie auch in biologischen
Systemen bedeutet lernen in diesem Fall, dass synaptische Verbindungen zwischen
Neuronen angepasst werden. Im Falle einer elektronischen Nase lernt das neuronale
Netz verschiedene Sensorantworten den zugehörigen Gerüchen (Gasgemischen)
zuzuordnen, um diese anschließend wiedererkennen zu können.
Abbildung 9: Prinzipieller Aufbau eines dreischichtigen neuronalen Netzes.
Die rechnenden Neuronen (verborgene und Ausgabe-Schicht) arbeiten mit einer
nicht-linearen Transferfunktion. Die Berechnungsparameter der Neuronen werden
in einer Trainingsphase so gewählt, dass bei einem bekannten Datensatz
der Ausgabefehler minimal wird.
Die häufigsten Anwendungsbereiche sind:
Im folgenden soll anhand einiger Beispiele gezeigt werden, wo im Bereich der Pharmazie und Kosmetik mögliche Einsatzgebiete zu finden sind.
4.1 Klassifikation von Hilfsstoffen
Abbildung 10 zeigt den PCA-Plot verschiedener Hilfsstoffe, die häufig
in Topika vorkommen. Im Diagramm ist eine deutliche Unterscheidung zwischen
den Substanzen Polyethylenglykol und Propylenglykol zu erkennen während
die beiden weniger flüchtigen Substanzen (Caprylic/Capric Triglycerides
und Octyldodecanol) in dem selben Cluster zu finden sind. Offensichtlich ist
eine Unterscheidung dieser beiden Substanzen unter den gewählten Messbedingungen
nicht möglich.
Abbildung 10: PCA-Plot einer qualitativen Analyse verschiedener Hilfsstoffe
4.2 Bewertung ätherischer Öle
Die Qualitätskontrolle in der Riechstoff- und Aromenindustrie ist häufig
zeitaufwändig und kostenintensiv. Im Bereich der Routineanalytik können
elektronische Nasen hier gute Dienste leisten.
In Abbildung 11 sind die Ergebnisse von Untersuchungen an drei natürlichen
Pfefferminzölen, die von unterschiedlichen Anbaugebieten stammen, und einem
synthetischen Pfefferminzöl dargestellt. In der zweidimensionalen Projektion
der Ergebnisse kann ein signifikanter Unterschied zwischen den natürlichen
und dem künstlichen Pfefferminzöl eindeutig erkannt werden. Obwohl
der Unterschied zwischen den drei natürlichen Ölen eher klein erscheint,
ist es mit Hilfe eines neuronalen Netzes problemlos möglich, ihren Ursprung
wiederzuerkennen.
Abbildung 11: PCA-Plot von drei natürlichen und einem künstlichen
Pfefferminzöl
Der PCA-Plot verschiedener Herstellchargen künstlicher Pfefferminzaromen ist in Abbildung 12 wiedergegeben. Aroma 1 und Aroma 2 erweisen sich als sehr ähnlich, während Aroma 3 klar abgegrenzt wird. Eine sensorische Überprüfung ergab bei diesem Aroma einen Anis-artigen Unterton.
Abbildung 12: PCA-Plot verschiedener Herstellchargen von Pfefferminz-Aromen4.4 Quantifizierung flüchtiger Bestandteile
Der Qualitätskontrolle ihrer Produkte ist ein wichtige Aufgabe im Bereich
der kosmetischen und pharmazeutischen Industrie. Muss auf flüchtige Inhaltsstoffe
geprüft werden, so lässt sich diese Aufgabe mit einer elektronischen
Nase erledigen. Abbildung 13 stellt die Hauptkomponenten-Analyse zweier Konzentrationsreihen
des flüchtigen Insektenrepellents DEET (N,N-Diethyl-3-methyl-benzamid)
dar. Der DEET-Gehalt kann sowohl in einer Matrix aus Polyethylenglykol 300 wie
auch Caprylic/Capric Triglyceride direkt aus dem Headspace der Proben ermittelt
werden. Sogar Proben, die nur 1 % der Wirksubstanz enthalten, lassen sich eindeutig
von den reinen Hilfsstoffe unterscheiden.
Abbildung 13: PCA-Plot zweier Konzentrationsreihen mit dem Insektenrepellent
DEET. Alle drei Reinsubstanzen (N,N-Diethyl-3-methyl-benzamide (DEET); Polyethylene
Glylcole 300 (PEG); Caprylic/Capric Triglyceride (MCT)) sowie die jeweiligen
binären Mischungen können eindeutig voneinander getrennt werden.
4.5 Screening der physikalischen Stabilität von Cremes
Die Lagerstabilität von Cremes ist häufig begrenzt aufgrund physikalischer
Instabilitäten, wie z.B. Aufrahmen, Koaleszens oder Veränderungen
des kolloiden Aufbaus. Da all diese Prozesse auch das Verteilungsgleichgewicht
flüchtiger Substanzen in der Formulierung verändern, werden diese
physikalischen Instabilitäten den "Geruch" der Creme beeinflussen.
Daher ist es möglich, die physikalische Stabilität einer Creme mit
Hilfe einer elektronischen Nase zu überwachen.
Abbildung 14 zeigt den PCA-Plot von Lagerproben einer mäßig stabilen
Creme, die zum einen bei konstant 40° C und zum anderen im Schaukeltest
(-5/40° C) gelagert wurden. Bei allen Proben ist während der 14-tägigen
Lagerung eindeutig eine Veränderung zu erkennen. Der Effekt tritt stärker
zu Tage, wenn die Proben einem Schaukeltest unterzogen werden. Eine stabile
Zubereitung zeigt hingegen keine Veränderung des Geruchsmusters während
der Lagerung.
Abbildung 14: PCA-Plot einer mittelmäßig stabilen Creme-Zubereitung.
Die Proben wurden zu Beginn sowie nach ein- und zweiwöchiger Lagerung bei
40 °C bzw. im Schaukeltest (-5/40 °C) untersucht. Die isotherme Lagerung
bei 40 °C verursacht eine geringere Veränderung als der Schaukeltest.
Dieser Artikel wurde veröffentlicht bereits veröffentlicht: Rolf
Daniels, Electronic Noses, Eurocosmetics 10 (2002/9) 20-29.
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