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Traditionell erfolgt die Geruchsanalytik mit einem sensorischen Panel. Die Nachteile solcher Panel-Tests liegt in der Subjektivität, der geringen Reproduzierbarkeit (z.B. die Ergebnisse sind abhängig von der Tageszeit, dem Gesundheitszustand der Probanden, den zuvor analysierten Gerüchen, Ermüdung, etc.), dem Zeitbedarf und dem hohen Arbeitsaufwand. Ebenso können die Probanden weder zur Bewertung gesundheitsgefährdender Gerüche eingesetzt werden, noch rund um die Uhr oder weit von der Geruchsquelle entfernt arbeiten. All diese Unzulänglichkeiten waren Motivation genug, in Form der elektronischen Nase eine Analysentechnologie zu entwickeln, mit der zuverlässige, objektive und reproduzierbare Messungen an flüchtigen Substanzen und Riechstoffen vorgenommen werden können. Die Entwicklung der elektronischen Nasen lehnt sich dicht an die Physiologie
des menschlichen Geruchssinns an, da dieser, wie auch andere biologische
Geruchsapparate, viele Fähigkeiten, die grundsätzlich von einer
elektronischen Nase erwartet werden, umfasst. Im oberen Nasenabschnitt befindet sich das etwa 2,5 cm² große
Riechepithel (Abbildung 1), auf das das Geruchsmolekül
im Gemisch mit der Atemluft trifft. Das Riechepithel ist, um den Kontakt
mit einem Duftstoff in einen elektrischen Reiz umzuwandeln, besonders
ausgestattet. Es verfügt über drei Zellarten: die Stützzellen,
die Basalzellen und die Riechzellen (Abbildung 2). Die Stützzellen
produzieren die Schleimschicht, die das Riechepithel überzieht. Die
Basalzellen sind Stammzellen. Sie sind teilungsfähig und produzieren
die Riechzellen, die dritte und wichtigste Zellart. Die Riechzellen sind
Nervenzellen. Sie sind in die Stützzellen eingebettet und haben an
der einen Seite Härchen, sog. Cilien, die in die Schleimschicht hineinragen.
An der gegenüberliegenden Seite führen Axone zum Gehirn. Der
Mensch verfügt über etwa 50 Millionen dieser Nervenzellen und
jede davon über 5 - 10 Cilien. Hunde, deren Geruchssinn ausgeprägter
ist als der menschliche, haben dagegen etwa 100 Cilien pro Nervenzelle. Der Geruchsrezeptor ist in der Cilien-Membran lokalisiert. Er besteht aus sieben transmembranären Proteinschleifen und ist G-Protein gekoppelt. Um zum Rezeptor zu gelangen, muss ein Duftmolekül die umgebende Schleimschicht passieren können; das ist nur in gelöstem Zustand möglich. Der Durchtritt durch die Schleimschicht ist von den chemischen und physikalischen Eigenschaften des Duftstoffs abhängig. Eine erleichterte Diffusion nach Bindung an Duftstoffbindeproteinen ist ebenfalls möglich. Abbildung 2: Aufbau des Riechepithels Nachdem das Duftmolekül den Rezeptor und dieser daraufhin das G-Protein
erregt hat, läuft eine Kaskade biochemischer Reaktionen ab, in deren
Verlauf unter anderem aus ATP cyclisches AMP (sog. cAMP, second messenger)
produziert wird (Abbildung 3). Dies dient der Signalverstärkung und
erklärt die niedrigen Schwellenwerte der Geruchswahrnehmung mit der
menschlichen Nase. cAMP schließlich führt zur Öffnung
von Natrium-Kanälen und ermöglicht so die erleichterte Diffusion
von Na+ in die Zelle, wodurch das Membranpotential absinkt. Erreicht die
Depolarisation der Nervenzelle einen Schwellenwert, so wird ein Aktionspotential
ausgelöst, welches entlang des Riechnervs zum Gehirn fortgeleitet
wird. Damit ist die olfaktorische Transduktion, d.h. die Umwandlung eines
ehemals chemischen in einen elektrischen Reiz vollzogen. Im Gehirn erfolgt die weitere Verarbeitung des Geruchseindrucks. Dabei
ist es in der Lage, das Geruchsmuster mit anderen Sinneseindrücken,
wie z.B. Geschmack und Aussehen, zu assoziieren und diesen Eindruck zu
bewahren, um ihn dann zu gegebener Zeit wieder abzurufen.
2. Elektronische Nasen Obwohl sich die menschliche Nase durch eine enorme Empfindlichkeit auszeichnet, war die Subjektivität und die schlechte Reproduzierbarkeit der damit erzielten Ergebnisse schon immer Triebfeder für die Suche nach verschiedenen Alternativen im Bereich der Analytik von flüchtigen Substanzen. Einige dieser Alternativen nutzen immer noch den menschlichen Geruchssinn zur Detektion. Ein Beispiel hierfür ist die Olfaktometrie, bei der ein Olfaktometer und ein menschliches Panel eingesetzt werden. Im Olfaktometer werden die zu untersuchenden Geruchsproben mit einem Neutralgas (definierte Bedingungen bezüglich Temperatur, Luftfeuchte und Reinheit der Luft) verdünnt und dem Probandenkollektiv präsentiert. Die Verdünnung, bei der die Geruchsprobe erstmals detektiert wird, wird als Geruchsschwellenwert bezeichnet. Diese wird dann herangezogen, um die Geruchsintensität (Konzentration) zu bestimmen, die dann in Riechwerten angegeben wird. Eine andere Alternative stellt die Kombination aus Gaschromatographie und Olfaktometrie (GC-O) dar. Hier übernimmt die menschliche Nase die Rolle des Detektors. Diese Technik wird auch als Sniffing-GC bezeichnet. Ein Duftstoffgemisch wird zunächst gaschromatographisch getrennt und danach zu einem so genannten "Sniffing-Port" geleitet. Dort registriert eine entsprechend geschulte Person kontinuierlich die jeweiligen Geruchseindrücke. GC-O eröffnet interessante Möglichkeiten bei der Analytik von Duftstoffen und Aromen sowie jeglicher Art von Produkten, bei denen der Geruch ein Qualitätskriterium darstellt. Dennoch bleibt die Geruchsmessung mit der menschlichen Nase arbeitsintensiv und zeitraubend. Ebenso tauchen Probleme auf, wenn Messungen vor Ort durchgeführt werden sollen, und es sind ausreichend große Probandenkollektive erforderlich, um statistisch abgesicherte Ergebnisse zu erzielen. Daher existiert ohne Frage der Bedarf an einer instrumentellen Methode, die die Fähigkeiten der menschlichen Nase nachahmt und zu reproduzierbaren Ergebnissen führt. In diesem Kontext waren Dodd und Persaud die Ersten, die Anfang der 80er
in England ein Array-Konzept zur Geruchsdetektion vorstellten; die erste
experimentelle elektronische Nase, die in der Literatur erwähnt wird. Bei der Anzahl der eingesetzten Sensoren muss ein Kompromiss geschlossen werden zwischen
Bei kommerziell verfügbaren Geräten variiert die Sensoranzahl
zwischen 6 und 48.
Obwohl elektronische Nasen und die menschlichen Nase sich im Grundsatz sehr ähneln und beide die Aufgabe haben, unterschiedliche Gasgemische zu charakterisieren, bestehen im Detail doch sehr deutliche Unterschiede: Es gibt Substanzen, auf die die menschliche Nase empfindlicher reagiert als Sensoren. Andererseits gibt es Stoffe, die für uns praktisch geruchlos sind, auf die manche Sensoren jedoch stark reagieren. In Tabelle 2 sind einige typische Eigenschaften der menschlichen Nase
denen von elektronischen Nasen gegenübergestellt.
In einer elektronischen Nase finden sich entweder mehrere Einzelsensoren, die hintereinander angeordnet sind oder integrierte Sensorarrays. Werden in einem System mehrere Transducer-Prinzipien eingesetzt, so spricht man von Hybrid-Systemen. In kommerziell erhältlichen Chemosensorsystemen zur Gas- und Geruchstofferkennung werden hauptsächlich folgende Sensortechnologien eingesetzt (Abbildung 4):
Abbildung 4: Aufnahmen verschiedener Chemo-Sensoren. (A) Metalloxid-Sensor.
(B) Oberflächenwellenleiter (SAW)-Sensor. (C) Schwingquarz-Sensor.
(D) Array mit leitfähigen Polymer-Sensoren. 2.3.1. Schwingquarzsensoren (Quarz Crystal Microbalances; QCM) Schwingquarzsensoren bestehen aus einem Quarzkristall, der mit einem
chemisch selektiven Film beschichtet ist. Der Kristall ist in einen Schwingkreis
eingebaut und hat typischerweise eine Eigenfrequenz von 10 MHz. Bei der
Wechselwirkung einer Gasphase mit der Sensorbeschichtung kommt es teilweise
zur Absorption, wodurch die Masse des Film ansteigt. Infolge davon sinkt
die Resonanzfrequenz, die dann als Sensorantwort gemessen wird. Die Vorteile
der Schwingquarzsensoren liegt in ihrer hohen Selektivität und Sensitivität,
ihrer guten Temperaturstabilität, der geringen Feuchteempfindlichkeit
sowie der hohen Reproduzierbarkeit. 3.3.1.2. Oberflächenwellenleiter (Surface Acoustic Wave (SAW)-Sensoren) Ein Surface Acoustic Wave Sensor ähnelt dem QCM-Sensor dahingehend,
dass die Massenänderung an einem piezoelektrischen Kristall genutzt
wird, um die Anwesenheit und Konzentration eines Geruchsstoffes anzuzeigen.
Allerdings arbeiten SAW-Sensoren mit einer höheren Oszillationsfrequenz.
Ein SAW-Sensor besteht aus einem Eingangs-Transducer, einem adsorbtiven
Film und einem Ausgangs-Transducer, die sich auf einem piezoelektrischen
Quarzsubstrat befinden. Der Eingangs-Transducer erzeugt eine akustische
Oberflächenwelle, die durch die Filmbeschichtung zum Ausgangs-Transducer
geleitet wird. SAW-Sensoren werden mit einer Resonanzfrequenz von 250
MHz bis zu 1 GHz betrieben. Werden Gasmoleküle von der Filmbeschichtung
absorbier, so verändert sich diese Resonanzfrequenz aufgrund der
Massenzunahme und der Veränderung der visko-elastischen Eigenschaften
des Films. SAW-Sensoren bieten die selben Vorteile wie QCM-Sensoren, zeichnen
sich aber durch eine höhere Empfindlichkeit aus. Ein Nachteil ist
in der verhältnismäßig aufwändigen Schaltungstechnik
zu sehen. Ein Metalloxid-Sensor ist ein Widerstandselement, das aus einem Metalloxidfilm,
wie z.B. Zinnoxid, gebildet wird. Geruchsmoleküle werden an der Metalloxid-Oberfläche
reduziert, wodurch sich der elektrische Widerstand des Sensors ändert.
Um die sorbierten Moleküle wieder entfernen zu können, müssen
diese oxidiert werden. Dies wird durch Heizelemente im Sensor unterstützt.
Leitfähige Polymer Sensoren gehören ebenfalls zur Gruppe der
konduktometrischen Sensoren. Sie bestehen aus einem halbleitenden Polymerfilm,
der eine Beschichtung trägt, die Moleküle bestimmter chemischer
Klassen sorbiert. Moleküle, die aus der Gasphase absorbiert werden,
führen zu einer Quellung des Polymerfilms. Hierdurch ändert
sich dessen elektrischer Widerstand, der als Sensorantwort gemessen und
aufgezeichnet werden kann. Der Quellungsgrad hängt von der Konzentration
der aus der Gasphase adsorbierenden Moleküle ab und ist reversibel.
Die Desorption erfolgt allerdings zeitlich verzögert, wenn der Sensor
hohen Konzentrationen ausgesetzt war. Die Vorteile von leitfähigen Polymersensoren sind ihre breite Selektivität, die hohe Empfindlichkeit (0,1 - 100 ppm), Stabilität und der Betrieb bei Umgebungstemperatur. Ihr größter Nachteil ist die hohe Empfindlichkeit gegenüber Wasserdampf, der eine sorgfältige Konditionierung der Trägerluft notwendig macht. Kommt es zu einer irreversiblen Bindung von Gasmolekülen an die
Polymermatrix, so spricht man von Vergiftung des Sensors. Diese äußert
sich in einem Anstieg des Basiswiderstands des betroffenen Sensors. Massenselektive Sensoren basieren auf der bewährten Technologie der Massenspektrometer. Das Prinzip der Detektion von chemischen Substanzen in der Gasphase durch Massenspektrometrie ist hinreichend bekannt: Gasproben werden ionisiert und dabei geladene Molekülfragmente erzeugt. Diese Fragmente werden in einem Massenfilter entsprechend dem Verhältnis von Molmasse zu Ladung klassiert. Bei der Detektion der Ionen wird mit Hilfe eines Elektronenvervielfachers oder einer Faraday-Platte ein entsprechendes elektrisches Signal erzeugt. Massenselektive Sensoren nehmen den Totalionenstrom einer Gasprobe für einen bestimmten Zeitraum auf, ohne das Gasgemisch vorher zu trennen. Kommerziell erhältliche Geräte basieren auf einem Quadrupol-Massenspektrometer. Der Messbereich umfasst typischerweise 1 bis 200 amu. Massenselektive Sensoren erweisen sich insbesondere als vorteilhaft,
wenn Proben mit dominierender Matrix, wie z.B. Alkohol oder Wasser, untersucht
werden müssen. In diesem Fall lassen sich die entsprechenden Massenpeaks
ausblenden und dadurch die Signifikanz der verbleibenden Peaks erhöhen.
Der Einsatz massenselektiver Sensoren erscheint ebenfalls günstig,
wenn bestimmte Substanzen, Verunreinigungen oder chemisch definierte Fehlgerüche,
quantifiziert werden sollen.
Prinzipiell gibt es die Möglichkeit, die Sensoren in den Headspace
der Probe zu tauchen oder die Probe in ein Gefäß geeigneten
Volumens zu füllen, um dann einen Teil des Headspace über das
Sensorarray zu leiten. Auch hierbei sind zwei Varianten denkbar: Entweder
wird der Probenheadspace während der gesamten Probennahme-Phase hindurch
über die Sensoren gepumpt oder ein Teil des Headspace steht während
der Sample-Phase statisch über den Sensoren. Die Empfindlichkeit
der Analyse lässt sich durch verschiedene Verfahrenstechniken, z.B.
Purge-und-Trap-Technik, die aus der Gaschromatographie bekannt sind, erhöhen. Eine einfache Methode, um Datensätze zu begutachten, ist die Darstellung aller Variablen bzw. einer Teilmenge in Form eines Balkendiagramms (Abbildung 6). Ein anderes ebenso einfaches Ausgabeformat ist der skalierte Radar-Plot (Abbildung 7). Beide Arten der Darstellung erhält man nach Integration oder Mittelung der Rohdaten innerhalb eines festgelegten Zeitintervalls. Jeder Vektor des Radar-Plot repräsentiert das Ausgangssignal eines Sensors. Wird ein Sensorarray mit unterschiedlichen Gasproben beaufschlagt, so werden sich die jeweiligen Sensorantworten im Verhältnis zueinander verändern. Dies spiegelt sich in der Form und dem Erscheinungsbild des zugehörigen Radarplots wieder. Abbildung 6: Balkendiagramm-Darstellung der Rohdaten aus Abbildung 5. A: Mittelwert des Signals im Zeitfenster von 15 bis 75 Sekunden. B: Mittelwert des Signals im Zeitfenster von 55 bis 75 Sekunden. Abbildung 7: Radar-Plot der Rohdaten aus Abbildung 5. A: Mittelwert des Signals im Zeitfenster von 15 bis 75 Sekunden. B: Mittelwert des Signals im Zeitfenster von 55 bis 75 Sekunden. Um nun den Unterschied bzw. die Ähnlichkeit zwischen zwei Proben quantifizieren zu können, erscheint es vielfach sinnvoll, den Abstand der zugehörigen Datensätze numerisch beschreiben zu können. Da Chemosensorsysteme Datensätze mit mehreren Variablen liefern,
ist es sinnvoller ein multivariates als ein univariates Abstandsmaßes
zu verwenden. Solch ein multivariates Abstandsmaß lässt sich
im originären oder im reduzierten Datenraum berechnen. Hierfür
stehen im wesentlichen zwei Berechnungsmethoden zur Verfügung. Der
euklidische Abstand (ED) gibt die Länge des Vektors an, der zwei
Punkte im Datenraum verbindet. Der ED lässt sich wie folgt ermitteln: Klassifikation nennt man den Vorgang, der ein Modell befähigt, gemachte
Beobachtungen verschiedenen Klassen zuzuordnen. Eine Klassifikation wird
oftmals verknüpft mit einer Reduktion der Dimensionalität des
Merkmalsraums. Ein Multisensor-Array liefert Datensätze mit hoher
Dimensionalität, d.h. ein bestimmtes Merkmal, z.B. der Geruch, wird
durch eine große Anzahl unabhängiger Variablen beschrieben.
Allerdings ist es äußerst schwierig, mehr als drei Dimensionen
gleichzeitig darzustellen. Daher kommt den Methoden, die es erlauben,
die Dimensionalität multivariater Datensätze zu reduzieren,
eine bedeutende Rolle zu. Nahezu alle Methoden der Datenverarbeitung gehen
hierbei vom Konzept des sog. Merkmalsraums aus. Im Merkmalsraum geht man
davon aus, dass alle Variablen senkrecht zueinander stehen und damit unabhängig
voneinander sind. Ein einzelner Messwert wird durch einen Punkt im Merkmalsraum
beschrieben, und ein gesamter Datensatz kann als Punktwolke im Raum betrachtet
werden. Eine Möglichkeit, die Dimensionalität zu reduzieren
besteht darin, neue Richtungen im Merkmalsraum zu suchen, wobei nur die
Richtungen als neue Variablen berücksichtigt werden, die die größte
Aussagekraft haben. Dabei werden die Bezugsebenen verändert und gleichzeitig
die Dimensionalität erniedrigt. Bei der Hauptkomponenten-Analyse
(Principal Component Analysis; PCA) transformiert (projeziert) man den
Merkmalsraum (Abbildung 8). Es werden hierbei Richtungen gefunden, die
die Streuung im Datensatz bestmöglich beschreiben. Diese neuen Richtungen,
Hauptkomponenten genannt, werden danach als neue Variablen verwendet.
Behält man lediglich die Hauptkomponenten mit großer Varianz
bei, so erreicht man eine Reduktion der ursprünglichen Anzahl an
Dimensionen. Neben der PCA gibt es auch noch andere Methoden mit deren
Hilfe dies erreicht werden kann. Allen Methoden zeichnen sich dadurch
aus, dass nach bestimmten Kriterien einige wenige aussagekräftige
Richtungen - meist 2 oder 3 - im Merkmalsraum gesucht und nur diese für
die Darstellung und Klassifikation herangezogen werden. 3.3 Neuronale Netze Ein neuronales Netz (Artificial Neural Network; ANN) ist ein Ansatz zur
Informationsverarbeitung, bei dem die Natur, z.B. in der Art wie unser
Gehirn funktioniert, Pate stand. Schlüsselelement hierbei ist die
neuartige Struktur, die der Datenverarbeitung zu Grunde liegt. Wesentliches
Merkmal ist eine große Anzahl hochgradig vernetzter Einheiten (Neuronen),
die gemeinsam dazu beitragen, eine bestimmte Fragestellung zu lösen
(Abbildung 9). ANN lernen, wie auch Menschen, durch Trainings-Einheiten.
Ein ANN wird in einer Trainings-Epoche für eine bestimmte Anwendung,
z.B. Erkennen eines Gasgemisches, konfiguriert. Wie auch in biologischen
Systemen bedeutet lernen in diesem Fall, dass synaptische Verbindungen
zwischen Neuronen angepasst werden. Im Falle einer elektronischen Nase
lernt das neuronale Netz verschiedene Sensorantworten den zugehörigen
Gerüchen (Gasgemischen) zuzuordnen, um diese anschließend wiedererkennen
zu können. Die Grundbausteine eines neuronalen Netzes sind die Neuronen. Jedes Neuron erhält eine Reihe von Eingangssignalen. Diese werden gewichtet, dann summiert und schließlich mit einer Transferfunktion weiterverarbeitet, die linear oder auch sigmoid verlaufen kann. In einem ANN sind Neuronen mehrerer Ebenen vernetzt. Die Eingabeschicht besitzt jeweils ein Neuron für jeden Sensor und die Ausgabeschicht hat jeweils ein Neuron für jede Eigenschaft der Probe, die unterschieden werden soll. Zwischen Ein- und Ausgabeschicht befindet sich üblicherweise eine verborgene Schicht mit einer variablen Anzahl an Neuronen. Die Berechnungsparameter der Neuronen (Gewichtung und Transferfunktion) werden in einer Trainingsphase so angepasst, dass der berechnete Ausgabewert bei einem bekannten Datensatz dem wahren Wert (Eigenschaft) möglichst nahe kommt. Aufgrund der nicht-linearen Modellbildung ist das Vorhersagemodell wesentlich komplexer als beim Zugrundelegen eines einfachen linearen Modells. Die Modellanpassung erfolgt häufig durch einen sog. Back-Propagation Algorithmus. Wesentliches Merkmal ist eine graduelle Optimierungsmethode, d.h. jede Gewichtung wird im Verhältnis zum verursachten Fehler verändert. 4. Anwendungsmöglichkeiten Maßnahmen zur Qualitätskontrolle und -sicherung gewinnen in vielen industriellen Bereich zunehmend an Bedeutung, um einen gewissen Standard bei Rohstoffen und Fertigprodukten sicherstellen zu können. Elektronische Nasen kommen seit vielen Jahren kommen kommerziell zum Einsatz, wenn es darum geht, Gerüche oder allgemein flüchtige Substanzen zu charakterisieren. Die häufigsten Anwendungsbereiche sind:
Im folgenden soll anhand einiger Beispiele gezeigt werden, wo im Bereich der Pharmazie und Kosmetik mögliche Einsatzgebiete zu finden sind. 4.1 Klassifikation von Hilfsstoffen Abbildung 10 zeigt den PCA-Plot verschiedener Hilfsstoffe, die häufig
in Topika vorkommen. Im Diagramm ist eine deutliche Unterscheidung zwischen
den Substanzen Polyethylenglykol und Propylenglykol zu erkennen während
die beiden weniger flüchtigen Substanzen (Caprylic/Capric Triglycerides
und Octyldodecanol) in dem selben Cluster zu finden sind. Offensichtlich
ist eine Unterscheidung dieser beiden Substanzen unter den gewählten
Messbedingungen nicht möglich. 4.2 Bewertung ätherischer Öle Die Qualitätskontrolle in der Riechstoff- und Aromenindustrie ist
häufig zeitaufwändig und kostenintensiv. Im Bereich der Routineanalytik
können elektronische Nasen hier gute Dienste leisten. Der PCA-Plot verschiedener Herstellchargen künstlicher Pfefferminzaromen ist in Abbildung 12 wiedergegeben. Aroma 1 und Aroma 2 erweisen sich als sehr ähnlich, während Aroma 3 klar abgegrenzt wird. Eine sensorische Überprüfung ergab bei diesem Aroma einen Anis-artigen Unterton. Abbildung 12: PCA-Plot verschiedener Herstellchargen von Pfefferminz-Aromen4.4 Quantifizierung flüchtiger Bestandteile Der Qualitätskontrolle ihrer Produkte ist ein wichtige Aufgabe im
Bereich der kosmetischen und pharmazeutischen Industrie. Muss auf flüchtige
Inhaltsstoffe geprüft werden, so lässt sich diese Aufgabe mit
einer elektronischen Nase erledigen. Abbildung 13 stellt die Hauptkomponenten-Analyse
zweier Konzentrationsreihen des flüchtigen Insektenrepellents DEET
(N,N-Diethyl-3-methyl-benzamid) dar. Der DEET-Gehalt kann sowohl in einer
Matrix aus Polyethylenglykol 300 wie auch Caprylic/Capric Triglyceride
direkt aus dem Headspace der Proben ermittelt werden. Sogar Proben, die
nur 1 % der Wirksubstanz enthalten, lassen sich eindeutig von den reinen
Hilfsstoffe unterscheiden. Abbildung 13: PCA-Plot zweier Konzentrationsreihen mit dem Insektenrepellent
DEET. Alle drei Reinsubstanzen (N,N-Diethyl-3-methyl-benzamide (DEET);
Polyethylene Glylcole 300 (PEG); Caprylic/Capric Triglyceride (MCT)) sowie
die jeweiligen binären Mischungen können eindeutig voneinander
getrennt werden. 4.5 Screening der physikalischen Stabilität von Cremes Die Lagerstabilität von Cremes ist häufig begrenzt aufgrund
physikalischer Instabilitäten, wie z.B. Aufrahmen, Koaleszens oder
Veränderungen des kolloiden Aufbaus. Da all diese Prozesse auch das
Verteilungsgleichgewicht flüchtiger Substanzen in der Formulierung
verändern, werden diese physikalischen Instabilitäten den "Geruch"
der Creme beeinflussen. Daher ist es möglich, die physikalische Stabilität
einer Creme mit Hilfe einer elektronischen Nase zu überwachen. 5. Fazit Elektronische Nasen ahmen das Verhalten der menschlichen Nase nach und nutzen viele Ansätze, die aus dem Reich der Natur bekannt sind, wie z.B. die Chemosensorik oder den Prozess der Geruchserkennung. Obwohl die menschliche Nase oftmals empfindlicher auf Gerüche reagiert als dies elektronische Nasen tun, birgt diese neue Technologie eine Reihe von Vorteilen. Insbesondere die Möglichkeit, Gerüche objektiv und unermüdlich beurteilen zu können, ist ein großer Fortschritt. Es ist daher damit zu rechnen, dass sich dieser Analysentechnik ständig weitere Anwendungsfelder in allen Bereichen der Industrie erschließen werden. 6. Weiterführende Literatur Amoore, J.E.: Molecular basis of odor; Ed. C.C. Thomas Publisher, Springfield, USA, 1970 Amoore, J.E.: Stereochemical theory of olfaction; Nature 198, 1963, 271-272 Aromascan: Dem Erfolg auf der Spur: Digitale Aromatechnologie; Euro Cosmetics 7-8/1995, 27-32 Boeckh, J.: Die Wahrnehmung des unsichtbaren Riechens und Schmeckens: Moleküle als Sinnesreize; Tagungsbeitrag EBC-Kongreß 1993 Buchbauer, G., Selos, S.: Neue Erkenntnisse über die molekularen Mechanismen des Riechens; Euro Cosmetics, 12/1995, 12-23 Buchbauer, G., Selos, S.: Neue Erkenntnisse über die molekularen Mechanismen des Riechens II; Euro Cosmetics, 1/1996, 22-37 Brunke, E.-J., Ritter, F., Schnaus, G.: Neue Ergebnisse zu sensorisch relevanten Spurenkomponenten in Blütendüften; Dragoco Report 1/1996, 5-21 Davide, F., Holmberg, M., Lundström, I.: Virtual olfactory interfaces: electronic noses and olfactory displays. In: Communications Through Virtual Technology: Identity Community and Technology in the Internet Age (G. Riva and F. Davide(Eds.)), IOS Press: Amsterdam, 2001, 193-220. Firestein ,S.: How the olfactory system makes sense of scents. Natur 413, 2001, 211-218 Freeman, W.F.: Physiologie und Simulation der Geruchswahrnehmung; Spektrum der Wissenschaft, 4/1991, 60-69 Gardner, J.W., Bartlett, Ph.N.: A brief history of electronic noses; Sensors and actuators B, 18-19, 1994, 211-220 Göpel, W.: Chemical imaging: I. Concepts and visions for electronic and bioelectronic noses; Sensors and Actuators B 52, 1998, 125-142 Göpel, W.: Entwicklungstrends der Chemo- und Biosensorik; GIT 4/1996, 330-335 Hatfield, J.V., Neaves, P., Persaud, K., Travers, P.: Towards an integrated electronic nose using conducting polymer sensors; Sensors and actuators B, 18-19, 1994, 221-228 Hoefer, U., Felske, A., Schulz, G., Steiner, K.: SnO2-Multisensorsysteme für die Analyse von Gas- und Geruchsstoffgemischen; Tagungsbeitrag GMA-Fachtagung Feb. 1996, Düsseldorf Horner, G.: Einsatz von Sensor-Arrays in der Olfaktometrie. Sensor 93, Vol. 2, Nürnberg 1993, 179-185 Horner, G., Vonach, B.: Ein intelligentes Sensorsystem erkennt Gerüche; Laborpraxis 4/1995, 28-30 Linder, M.E., Gilman, A.G.: G-Proteine; Spektrum der Wissenschaft, 9/1992, 54-62 Madsen, M.G., Grypa, R.D.: Spices, Flavor Systems and the Electronic Nose. Food Technology 54, 2000, 44-46. Moy, L., Tan, T., Gardner, J.W.: Monitoring the stability of perfume and body odors with an electronic nose; Perfumer & Flavorist 19, July/August 1994, 11-16 Moy, L., Collins, M.: Elektronische Nasen und neuronale Netzwerke; Laborpraxis 5/1996, 14-18 Ohloff, G.: Scent and Fragrances, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg, 1994 Pearce, T.C., Gardner, J.W., Friel, S., Bartlett, Ph.B., Blair, N.: Electronic nose for monitoring the flavour of beers; Analyst, 18, April/1993, 371-377 Persaud, K., Dodd, G.: Analysis of discrimination mechanisms in the mammalian olfactory system using a model nose; Nature Vol.299, 23, 1982, 352-355 Persaud, K.C., Pelosi, P.: An approach to an artificial nose; Trans. Am. Soc. Artif. Intern. Organs, Vol.31, 1985, 297-300 Persaud, K.C., Travers, P.J.: Arrays of broad specifity films for sensing volatile chemicals; Department of Instrumentation and Analytical Science, University of Manchester, Institute of Science and Technology Rapp, M., Reibel, J.: Gasanalytik mit Sensorsystemen: Ein Weg zur elektronischen Nase?; Nachr. Chem. Tech. Lab., 44, 11/1996, 1088-1092 Restrepo, D., Brand, J.B.: Molekulare Mechanismen des Riechens; Dragoco Report 39, 1992, 122-127 Schepper K.: Optimierung und Charakterisierung von topischen Formulierungen mit Insektenrepellents. Dissertation Technische Universität Braunschweig 1999. Weimar, U., Göpel, W.: Chemical imaging: II. Trends in practical multiparameter sensor systems; Sensors and Actuators B 52, 1998, 143-161. Dieser Artikel wurde veröffentlicht bereits veröffentlicht:
Rolf Daniels, Electronic Noses, Eurocosmetics 10 (2002/9) 20-29. ![]() Prof. Dr. Rolf Daniels hat im Fach Pharmazeutische Technologie promoviert. Vor seiner Rückkehr an die Hochschule arbeitete er 2 Jahre in der pharmazeutischen Entwicklungsabteilung von Pfizer. 1995 bekam er eine Professur für pharmazeutische Technologie am Institut für Pharmazeutische Technologie der Technischen Universität Braunschweig. Seine Hauptinteressensgebiete sind tensidfreie Emulsionssysteme, Stabilitätsuntersuchungen an halbfesten Systemen und die kontrollierte Freisetzung von Insektenrepellents. Seit 1997 ist er Leiter der Fachgruppe Dermokosmetik der Gesellschaft für Dermopharmazie (GD). nach oben | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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