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Bericht aus der Wissenschaft  

Kosmetotextilien - Hautpflege zum Anziehen

 

Raymond Mathis, Annette Mehling


Textilien und ihre Funktionen verändern sich ständig, und neue hoch entwickelte Veredelungen können sie mit nie da gewesenen Fähigkeiten versehen. Die Integration von Kosmetik in Textilien bietet ganz neue Möglichkeiten, Körperpflege beim Tragen von Kleidung zu verwirklichen. Die erhöhte Convenience in Kombination mit zusätzlicher Funktionalität macht Kosmetotextilien zum „aktiven” Förderer unseres Wohlbefindens.



Der Begriff Kosmetotextilien (Cosmetotexiles) wurde geprägt, um Textilien mit kosmetischen Eigenschaften einen Namen zu geben, wobei diese Art von Textilien genauso gut als Träger für andere Wirkstoffe oder Funktionen dienen kann, wie etwa für Wirkstoffe mit medizinischen Eigenschaften, Insektenschutzmittel, Biozide oder UV-Filter.

An der Integration von Kosmetikkompositionen in Textilien wird seit den späten 1980er Jahren geforscht, und zwar zuerst in Japan. In Europa wurde das Thema 1995 von Hermes aufgegriffen, als die Marke einen Schal mit dem verkapselten Duft Calèche herausbrachte. Während die ursprüngliche Technologie vor allem von kleinen innovativen französischen Firmen wie Euracli entwickelte wurde, stiegen etwa ab 2000 auch multinationale Unternehmen wie Cognis und Invista mit Markenlösungen für Kosmetotextilien wie Skintex® und Lycra Body Care ein. 2003 wurde die französische Textilienmarke Lytess gegründet, die sich ausschließlich mit der Entwicklung und Vermarktung von Kosmetotextilien befasst – inzwischen einer der europäischen Marktführer.

Entwicklung und Herstellung von Kosmetotextilien mit einem echten Nutzen für eine bestimmte Tragedauer sind eine Herausforderung: Einerseits müssen, während die Textilie getragen wird, bedeutende Mengen kosmetischer Inhaltsstoffen auf die Haut übertragen werden, andererseits soll beim Waschen der Textilie wenig verloren gehen. Viele kosmetische Inhaltsstoffe sind anfällig für Hitze oder Oxidation, andere, wie Parfüms, sind flüchtig.

Mikroverkapselung als Schlüsseltechnologie

Daher ist die Mikroverkapselung hier eine Schlüsseltechnologie (siehe Abbildung 1): Empfindliche kosmetische Inhaltsstoffe lassen sich vor Abbauprozessen wie Oxidation oder Polymerisation schützen und widerstehen Trocken- und Thermofixierungsprozessen; flüchtige Inhaltsstoffe verdunsten nicht und halten länger. Wasserlösliche Inhaltsstoffe sind schwer zu verkapseln und werden beim Waschen aus der Textilie leicht entfernt – deswegen sind lipophile Bestandteile besser geeignet. Mikrokapseln lassen sich zudem hinsichtlich Größe, mechanischer Robustheit und Permeabilität gezielt gestalten, um ihr Freisetzungsprofil für optimale Anwendungsleistungen maßzuschneidern.

Abbildung 1: Mikrokapseln auf Textilien


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Auch wenn die Europäische Kosmetik-Verordnung bereits im Dezember 2009 veröffentlicht wurde, wird sie – von ein paar Ausnahmen abgesehen – nicht vor 2013 effektiv in Kraft sein. Gegenwärtig sind Kosmetikprodukte noch durch die Europäische Kosmetik-Direktive 76/768/EEC (7. Änderungsrichtlinie) als „Stoffe oder Zubereitungen definiert, die dazu bestimmt sind, äußerlich mit den verschiedenen Teilen des menschlichen Körpers ... in Berührung zu kommen, und zwar zu dem ausschließlichen oder überwiegenden Zweck, diese zu reinigen, zu parfümieren, ihr Aussehen zu verändern, sie zu schützen, sie in gutem Zustand zu halten oder den Körpergeruch zu beeinflussen“.

Abbildung 2: Die Socke mit der Moisturizer-Behandlung erhöht die Hydration der Hautoberfläche


Fallen Kosmetotextilien unter diese Definition oder nicht? Das sogenannte Borderline Manual der Europäischen Kommission klärt, ob die Kosmetik-Verordnung auf bestimmte Produkte zutrifft oder nicht. Danach ist „die Textilie weder eine chemische Substanz noch eine Zubereitung .... Die Textilie kann aber als Träger eine chemische Substanz oder eine Zubereitung auf die Haut bringen. Wenn diese chemische Substanz oder Zubereitung dazu bestimmt ist, äußerlich mit den verschiedenen Teilen des menschlichen Körpers ... in Berührung zu kommen, fällt sie unter die Bestimmungen der Kosmetik-Direktive.” Außerdem wird festgestellt, dass andere Bestimmungen parallel gelten können, d.h. auch die für herkömmliche Textilien. 2009 hat das Europäische Komitee für Standardisierung CEN einen technischen „Cosmetotextiles”-Bericht verabschiedet. Darin werden Kosmetotextilien zum ersten Mal offiziell definiert sowie Spielregeln für „Anziehbare Hautpflege“ aufgestellt.



Kosmetische Wirksamkeit ist eine unverzichtbare Eigenschaft echter Kosmetotextilien. Dabei sollten drei wichtige Aspekte beachtet werden:

• Sicherheit: Kosmetotextilien enthalten kosmetische Inhaltstoffe, deren Einsatz ebenso sicher sein muss wie in einer herkömmlichen Anwendungsform. Qualifizierte Fachleute müssen sicherstellen, dass das toxikologische Profil der kosmetischen Inhaltsstoffe und der Textilhilfsstoffe in der Ausrüstung der Kosmetotextilie zufriedenstellend ist.

• Quantität: Die kosmetische Funktionalität bedingt die Kosmetikproduktmenge, die für die gewünschte Leistung erforderlich ist. Hautpflegeeffekte wie etwa die Hauthydration (moisturizing) erfordern große Produktmengen für eine wahrnehmbare Wirkung, Düfte erfordern wesentlich geringere Mengen. In der Textilie lässt sich allerdings nur ein bestimmter Gehalt an kosmetischem Inhaltsstoff realisieren, der von der betroffenen Textilie (Jeans z.B. sind schwerer als Strumpfhosen) abhängt. Die Verwendung von Systemen zur „Wiederbeladung“ wie etwa Sprays mit der kosmetischen Formulierung können die wirksame Lebensdauer der Kosmetotextilie verlängern.

• Synergien: Um die Wirksamkeit zu maximieren, müssen Gewebekomposition und -aufbau, Kleidungsdesign und kosmetische Ausrüstung gut aufeinander abgestimmt sein. Für eine zufriedenstellende kosmetische Leistung bei Funktionalitäten, die den Übertrag größerer Produktmengen erfordern, sollten Gewebe mit einer großen spezifischen Kontaktfläche zur Haut verwendet werden. Hier sind elastische Gewebe mit einem gewissen Kompressionsgrad und Massageeffekt hilfreich.

Um sicherzustellen, dass der kosmetische Nutzen wirklich vorhanden ist, muss also genug Produkt auf die Kosmetotextilie aufgebracht und auf die Haut transferiert werden. Um zu kontrollieren, ob der Transfer von der Textilie auf die Haut wirklich stattfindet, wurden zwanzig Versuchspersonen gebeten, eine mit Squalan- und Vitamin-E-Acetat-Mikrokapseln behandelte Manschette auf dem Vorderarm zu tragen. Nach fünf bzw. acht Stunden wurden die übertragenen Substanzen mit Ethanol von der Hautoberfläche von je fünf Probanden extrahiert. Die Ergebnisse zeigten, dass die kosmetischen Inhaltsstoffe tatsächlich transferiert wurden.

Kosmetische Wirksamkeitsversprechen werden mit einer Vielfalt verschiedener Ansätze untermauert, für die auch Leitlinien veröffentlich wurden, wie etwa von der Colipa. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Claims unterscheiden – objektive und subjektive. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden biophysikalische Methoden, die jetzt routinemäßig zur Begründung von Werbeversprechen verwendet werden, entwickelt, um Hauteigenschaften objektiv zu bestimmen, wie z.B. die Corneometrie zur Messung der Hautoberflächenhydration. Subjektive Claims wiederum werden oft mit Hilfe von Fragebögen beurteilt.

Um festzustellen, ob das Tragen einer Kosmetotextilie eine kosmetische Wirkung erzeugen kann – in diesem Fall verbesserte Hauthydration –, wurde ein Test mit zwanzig weiblichen Probanden mit trockener bis sehr trockener Haut von einem unabhängigen Testinstitut durchgeführt. Die Teilnehmer trugen an einem Fuß eine unbehandelte und am anderen Fuß eine mit einer Moisturizing-Ausrüstung (Skintex® Monoi) behandelte Socke 12 Tage lang jeweils acht Stunden. Die Socken wurden täglich mit der Hand gewaschen. Mit Ausnahme der Tage fünf und zehn war die Hauthydration auf der behandelten Seite signifikant erhöht (siehe Abbildung 2.) Nachdem der Anstieg am ersten Tag am höchsten war, nahm er allmählich ab – parallel zum graduellen Abbau der Kosmetikbeladung in der Textilie.

Verbraucherpräferenzen lassen sich durch Fragebögen erfassen. In einem Home-Use-Test wurden Jeans, die mit einer Ausrüstung zur Verbesserung des äusseren Erscheinungsbild von Cellulite (Skintex® Slimming) versehen waren, getestet. Die 160 Teilnehmer trugen zwei behandelte Jeans aus 97 Prozent Baumwolle und 3 Prozent Elastan sechs Wochen lang wenigstens fünf Tage pro Woche und acht Stunden pro Tag. Die Jeans wurden mit einem Feinwaschmittel in der Waschmaschine gewaschen und an der Luft getrocknet. Nach vier bzw. sechs Wochen fanden 74 bzw. 78 Prozent der Verbraucher die Jeans angenehm zu tragen. Die Kosmetikanwendung via Kosmetotextilie wurde von 93 Prozent als einfacher wahrgenommen als die Anwendung einer Creme. 69 bis 74 Prozent der Verbraucher nahmen nach vier bis sechs Wochen eine leichte bis starke Verbesserung der Cellulite wahr.

Abbildung 3: Mikroverkapselung als Schlüsselindustrie

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Die Ausrüstung von Textilien mit einer wahrnehmbaren kosmetischen Wirksamkeit ist eine große Herausforderung. Bis heute wurden die meisten Kosmetotextilien ohne ausreichende Marketingkommunikation auf den Markt gebracht und viele Verbraucher stehen dem Konzept immer noch skeptisch gegenüber. Kein Wunder, dass die größten kommerziellen Erfolge über Vertriebskanäle wie Teleshopping oder Kataloge erzielt wurden, wo detailliertere Informationen vermittelt werden können. Das zunehmende Engagement klassischer Kosmetik und Modemarken wird die Glaubwürdigkeit des Konzepts weiter stärken. Tatsächlich werden Kosmetotextilien im Datamonitor-Bericht‚ “Ten Trends to Watch in Packaged Goods in 2010“ als kommender Trend identifiziert und Frankreich fördert die Kosmetotextil-Forschung als innovativen Ansatz für neue Möglichkeiten und Marktsegmente für Textilien.

Hinweise
1) Skintex® ist eine registrierte Handelsmarke der Cognis GmbH.
2) Dieser Artikel wurde in COSSMA, Ausgabe 3, 2010, Seiten 22-25 veröffentlicht.

Autoren

Dr. Raymond Mathis


Dr. Raymond Mathis, Director of Technology, Delivery Systems, Care Chemicals, hat sich nach Jahren der Leitung von Entwicklung im Bereich Faserschmiermittel und schließlich Textilhilfsmittel allgemein in den letzten zehn Jahren auf den Bereich hochfunktionelle Textilien fokussiert, insbesondere auf den waschresistenten Einbau von mikroverkapselten kosmetischen Formulierungen in Bekleidung. Von Textilien als "Delivery System" (Trägersystem) von Kosmetik auf die Haut erweiterte sich dann vor zwei Jahren sein Aufgabenbereich in Richtung "Delivery Systems" für klassische Kosmetika, wo es nun darum geht, mittels verschiedener Technologien die Wirksamkeit von kosmetischen Wirkstoffen zu erhöhen.

Dr. Annette Mehling


Dr. Annette Mehling ist seit 2001 bei der Cognis GmbH beschäftigt. Sie arbeitet in der Abteilung Product Safety & Regulations und ist dort verantwortlich für dermatologische Kompatibilität und Wirksamkeitstests. Dr. Mehling ist Molekularbiologin und hat an der Universität Wuppertal in Mikrobiologie promoviert. Im Anschluss an die Promotion war sie vier Jahre lang am Institut für Dermatologie der Universität Münster an Forschungarbeiten auf dem Gebiet der Immunologie der Haut beteiligt.

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  Dezember 2010  

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